Norwegische Sprache – mal drei

Ein Land, drei Sprachen: Norwegens Geschichte hat drei unterschiedliche Sprachen hervorgebracht, die heute lebendig nebeneinander existieren – auch wenn eine davon nur von einer kleinen ethnischen Gruppe genutzt wird.

Sprechen und schreiben

Klingt etwas verwirrend: Was spricht man in Norwegen denn nun? Auf Reisen im Land werden Sie keinen Unterschied hören, denn generell verständigen sich die Norweger in Norsk. Jeder versteht jeden, im Alltag funktioniert das sprachliche Miteinander gut.

Die Zweisprachigkeit taucht erst dann auf, wenn es um die Schriftsprache geht. Sehr viele Norweger nutzen das „Bokmal“, parallel dazu ist das „Nynorsk“ gebräuchlich. Beide Varianten sind offizielle Sprachen, und in beiden werden Bücher, Zeitungen und andere Druckwerke publiziert.

Doch was ist der Unterschied? Der liegt in der Geschichte: Zwischen Norwegen und Dänemark bestand von 1380 bis 1840 eine Personalunion, ein Staatenbund unter dänischer Vorherrschaft. Klar, dass sich das auch ganz prägend in sprachlichen Fragen niederschlug. Norwegisch und Dänisch haben große Gemeinsamkeiten, und Dänisch prägte Sprachleben und -entwicklung Norwegens.

Dieses gefiel offenbar dem Sprachwissenschaftler Ivar Asen nicht. Darum machte er sich Mitte des 19. Jahrhunderts daran, auf Basis ländlicher Dialekte und regionalen Varietäten eine neue norwegische Sprache zu schaffen, eben das „Nynorsk“. Obwohl es Neu-Norwegisch heißt, greift es auch auf ältere Sprachelemente zurück.

Und so entstand die zweite Schriftsprache neben der ersten. Bokmal (übersetzt: Buchsprache) ist also stärker am Dänischen orientiert, Nynorsk an ländlichen Mundarten. Trotzdem kann jeder Norweger Texte in der einen oder anderen Schreibversion ohne Probleme lesen. Beide existieren nebeneinander, und offizielle Dokumente liegen entweder in der einen oder der anderen Varietät vor. Behördenmitarbeiter müssen in beiden Sprachen richtig fit sein: Sie sind gehalten, Anfragen immer in derjenigen Schriftsprache zu beantworten, in der sie an die Behörde gerichtet sind. Schätzungen gehen davon aus, dass 85 bis 90 Prozent der Norweger Bokmal benutzen.

Sprache der Minderheit

Die Sprachen in Norwegen umfassen jedoch noch eine dritte. Für die sieht der Nutzungsanteil allerdings deutlich anders aus: Nur 24.000 Menschen sprechen Sami, die Sprache der Samen in Lappland. Und von denen leben gar nicht alle in Norwegen, sondern viele auch in Schweden, Finnland und Russland. Sami unterscheidet sich nun aber ganz grundlegend von der norwegischen Sprache Norsk – es gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie, Norsk zum nordischen Zweig der indogermanischen Sprachen.

Wie viele Sprachen von ethnischen Minoritäten hatte Sami lange einen schweren Stand. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es sogar verboten, heute hat es jedoch Verfassungsrang – festgeschrieben ist, dass in Norwegen Bedingungen zu schaffen sind, die den Samen die Pflege und Entwicklung ihrer Sprache, Kultur und Lebensweise ermöglichen. Jahrhundertelang nur mündlich überliefert, schuf man in den Siebziger- und Achtzigerjahren sogar eine Schriftsprache und schrieb die Grundzüge der Grammatik fest.

Da die Samen in kleineren Verbänden mit ihren Rentierherden in Lappland unterwegs waren, hatten sich auch in ihrer Sprache zahlreiche, teils sehr unterschiedliche Varietäten gebildet – viele sind dem Untergang geweiht, wie etwa das noch von geschätzten zehn Menschen gesprochene Pitesamisch. Nordsamisch ist am weitesten verbreitet und wird von sehr vielen Samen verstanden und benutzt.

Norwegen – ein Land, drei Sprachen? Irgendwie ja, wenngleich die Situation bei genauem Hinschauen komplexer ist. Aber mit Norsk als norwegischer Sprache liegt man immer richtig, denn das verstehen auch die allermeisten Samen.

Bild: Asgeir Helgestad/Visitnorway.com